Karate hat viele Aspekte!

Traditionelles Karate vs. Sportkarate – Wohin geht der Weg des Karate?

2020 in Tokio ist es endlich soweit. Der Karate Verband DKV hat lange auf diesen Moment gewartet. Karate ist als olympische Disziplin aufgenommen worden. Das bedeutet Anerkennung als Sportart verbunden mit Sponsorengeldern. Die Wirtschaftlichkeit einer Kampfsportart hängt wie ein Tropf an der Infusionsnadel bestimmter Ziele. Dieser Hahn wird sich nun aufdrehen. Aber werden dadurch andere Hähne abgedreht? Was passiert mit dem geistigen Aspekt der Kampfkunst Karate? Werden die Traditionalisten in eine Nische gedrängt? Geht uns die Kampfkunst und der Budogedanke verloren? 

Wolf-Dieter Wichmann, 9.Dan karate do

Wolf-Dieter Wichmann, 9.Dan karate do

Karate-treff fragt in einem Interview Wolf-Dieter Wichmann, 8. Dan zu diesem Thema:

Was versteht man unter traditionellem Karate?

Der Begriff traditionellem Karate ist leider sehr ungenau und bedarf einer Definition, damit man von gleichen Begrifflichkeiten ausgeht. Ich möchte daher den Begriff hier nur in der folgenden Beschreibung verwenden, ohne dass dies für Alle so sein muss:

Traditionelles Karate ist für mich die Ausprägung des Karate, das in den 50-70er Jahren in Deutschland vermittelt und von den japanischen Instruktoren (wie z.B. Kanazawa, Kase, Enoeda, Ochi usw.) gelehrt wurde. Ihr wesentliches Element ist das Ippon-Karate, d.h. die Konzentration auf eine Technik die bei bestmöglicher Ausführung im Ernstfall tödlich wäre.

Die Besonderheiten sind: Eine Technik – Konzentration – Höchstmögliche Qualität und damit Wirksamkeit

Das Bemühen um diese Aspekte beinhaltet für mich „traditionelles Karate“. Dies schließt Teilaspekte wie Dojoetikette, Lehrer-Schülerverhältnis usw. natürlich nicht aus, bedarf aber einer entsprechenden Trainingsleistung (d.h. anspruchsvolles regelmäßiges Training!), i.d.R. unter der Anleitung eines „traditionellen Meisters“.

Wird das heutzutage manchmal falsch ausgelegt?

Jeder, der nicht gerade in bunten Anzügen durch die Gegend hüpft, nennt sein Karate „traditionell“. Diese Diskussion gibt es bereits seit vielen Jahren. Wenn man obengenannte Kriterien objektiv anwendet, kann man sich sein Urteil selbst fällen. Alleine den Begriff „traditionell“ zu verwenden reicht dabei nicht aus! Kritiker dieses Begriffes stellen zu recht die Frage, ab wann den TK zu rechnen ist…1920 (Gichin Funakoshi) – oder bereits davor (Okinawa)- oder 1949 (Gründung der JKA unter Nakayama) -.oder?

Wie findet der interessierte Karateka zu den "Wurzeln"?

Das Wesentliche des Karate ist das Training! Daher stellt sich nicht so sehr dir Frage, die „Wurzeln zu finden“ wie- einen (traditionellen) Lehrer für dies Karate zu finden! Dies kann nur durch „Try and error“ geschehen- man besucht verschiedene Trainingsgelegenheiten und lässt sich von der Atmosphäre, dem Lehrer und dem Lehrer-Schülerverhältnis überzeugen. Das ist viel schwieriger zu tun, als es gesagt ist. Meiner Schätzung nach gibt es keine 10 Prozent wirklich traditioneller Dojo (d.h., deren Training auf obengenannte Kriterien abzielt) in Deutschland.

Welche großen Meister dienen hierzu als Vorbilder und warum?

Gute Frage! Bitte die nächste!!

Vorbilder hängt man auf (ich meine als Bild an die Wand!). Man muss, s.o., einen Meister suchen, der einen an das TK heranführt. Das Studium „alter Meister“ in Büchern ist lehrreich und motivierend, kann aber die eigentliche Aufgabe, selbst zu trainieren nicht ersetzen.

Ich möchte hier keine Rangfolge „Alter Meister“ auflisten- man muss sie selbst erlebt haben und daraus Inspiration für das eigene Karate schöpfen. Es gibt den Begriff des „Ishin denshin“ Übertragung von Herz zu Herz (oder Geist). Wenn das stattfindet, dann hat man „seinen Meister“ gefunden.

Kann Kampfkunst und Tradition eine Lebensphilosophie sein?

Das ist der wesentliche Unterschied zwischen Kampf-Sport, Selbstverteidigungsmethode und Karate-DÔ. Nur wenn Karate (oder eine andere Kampfkunst) als Entwicklungs-Weg unterrichtet wird, kann es auch eine Lebensphilosophie sein.

Was passiert mit der Kampfkunst Karate, wenn sie jetzt olympische Disziplin wird?

Das Wesen der Budo-Künste ist eine Verinnerlichung. Das widerspricht jedem merkantilen Gedanken. Leider ist der öffentliche Sport als solches inzwischen kaum noch vom Gedanken der Wirtschaftlichkeit zu trennen. Das betrifft leider auch den Budo-Sport.

Mit anderen Worten-

Für den Kampfsport Karate, der nur noch rudimentär die ursprünglichen Ideale einer Budo-Kunst beinhaltet, ist es bestimmt förderlich, eine öffentliche Anerkennung als „Olympische Sportart“ zu erfahren. Für den Erhalt, die Pflege der Budotradition ist es uninteressant. Wenn nicht sogar hinderlich, da sich Engagements, die sich bisher dem traditionellen Karate  gewidmet haben, mehr dieser spektakulären medialen Präsenz zuwenden werden.

https://youtu.be/IXnPAsPhvYc

Nach 50 Jahren Karate bringt Wolf-Dieter Wichmann einen großen Schatz an Erfahrungen mit. Denn er trägt nicht nur den 9. Dan Karate dō, 5. Dan Kendō, 3. Dan Jūdō, 3. Dan Iaidō und den 1. Kyu Kyūdō. Er war auch 3-facher Vize-Weltmeister, 2-facher Europameister und Deutscher Meister im Karate dō.

Werden sich die Verbände jetzt noch weiter voneinander entfernen anstatt zusammen zu finden?

Die Verbände sind wirtschaftlich orientiert. Wenn sie ein wirtschaftliches Interesse darin sehen, „zusammenzugehen“ werden sie das tun- wenn nicht, eben nicht. Da diese Verbände (siehe Fußball) meist von Menschen geführt werden, die ein erhebliches Eigeninteresse  in ihre Entscheidungen (für den Verband) einfließen lassen, kann man das Ergebnis nicht pauschal voraussagen!

Wird traditionelles Karate irgendwann nur noch von einzelnen Senseis in ein paar Dojos gelebt werden? Stirbt es dadurch aus bzw. gerät in Vergessenheit?

Ja, ich denke, dass die „traditionelle Budokunst" mit einzelnen Lehrern weiterlebt und sich, wie physikalisch nachvollziehbar, im Laufe der Zeit „verdünnt". Ob es "in Vergessenheit gerät" oder von Zeit zu Zeit eine Renaissance erfährt- wer weiß das heutzutage?!

Autor: Stefanie Wallner
Das könnte Sie auch interessieren
Die zerrissene Karate Welt

Wettkampf-Karate oder Tradition

Wettkampf-Karate

Wenn es um Wettkämpfe beim Kampfsport geht, dann scheiden sich in der Karate Welt die Geister. Während die einen auf die traditionellen Werte dieser Kampfkunst achten, wollen andere die olympische Disziplin.

 
Kontakt:
Für Anregungen, neue Artikel, Events
oder mehr sind wir dankbar.
Bitte schreibt uns unter
info@karate-treff.de
Video-Tipps:
Ausgesuchte
Empfehlungen aus
Youtube