Der Karateka – ein Blatt im Wind

Vom Auf und Ab beim Karate-Training

Karate – zuerst war es nur eine vage Vorstellung von einem Kampfsport. Auf youtube gibt es viele Videos von schreienden, schwitzenden Karatekas bei einem Wettkampf. Ihre Schreie klingen für einen Anfänger wie die Schmerzensrufe kämpfender Kater im Frühling. Man fragt sich willkürlich – was kommt beim Karate auf mich zu und was hat das mit dem Karate-do, dem philosophischen Ansatz von Karate tun?

Überheblicher Karateka

Überheblicher Karateka

Der Karate Weg ist keine Autobahn

Der Anfang – die ersten Karate Trainingsstunden

Entsetzt blickt man im Dojo in den Spiegel. Bei jeder Bewegung sieht man sich einem ungelenken, steifen Pinocchio entgegen, der anscheinend Holzstecken statt Arme und Beine besitzt. Im Vergleich mit den anderen Karatekas kommt schnell die Frage auf: Werde ich das jemals schaffen? Kann ich mich irgendwann genauso schnell und elegant bewegen wie die anderen? Von den Bewegungen des Senseis mal ganz zu Schweigen. Da liegt noch ein ganzes Universum dazwischen! Doch Karate hält viele Anfänger gefangen. Es sind nicht nur die Arm- und Beintechniken, die Biegsamkeit des Körpers, die konkreten und autoritären Anweisungen des Senseis und das teils harte Ganzkörpertraining. Da ist mehr!

Vom Suchen und Finden beim Karate

Wer Karate verstehen will, muss sich mit der Geschichte dieser Kampfkunst beschäftigen. Denn schließlich würde sich kein Maler dem Impressionismus nähern, ohne sich mit Auguste-Claude Renoir oder Paul Cezanne zu beschäftigen. Aber genau das unterscheidet den Kampfsport von der Kampfkunst. Denn Kunst und das Verständnis dazu kommt aus dem Geist. Sie ist eine Ausdrucksform und wird mit dem schöpferischen Gestalten und Schaffen von Werken erklärt. Was das genau mit der Kampfkunst zu tun hat, muss jeder Karateka für sich selber finden und entscheiden. Der Karate do - Weg des Karate, verändert den Geist und die Handlungen jeden Karatekas. Er nimmt starken Einfluss auf die Wertevorstellungen, schärft sie oder verändert sie sogar.

Vielleicht erklärt sich das am Besten in einem Beispiel: Die Techniken des Karateka gewinnen zunehmend an Kraft und Kime und seine Techniken werden ausgereifter. Er steigt in seinen Gürtelgraden auf und spürt mit dieser Leistungssteigerung eine gewisse Macht in ihm aufsteigen. Spätestens jetzt sollte er genau in sich hineinhören und sich überlegen: Wie gehe ich damit um? Bin ich stolz und fühle mich den anderen überlegen? Stop! Das ist der Scheideweg. Mit diesen Gefühlen schadet er sich selbst, denn solche Gedanken nehmen ihm das Verständnis der Demut und der Bescheidenheit. Er wird vielleicht nicht mehr so hart an seinen eigenen Fehlern arbeiten. Im schlimmsten Fall hört er die Verbesserungen seines Senseis nicht mehr oder will sie vielleicht auch gar nicht mehr wissen. Er bleibt auf einer Stufe stehen, die ihn auch im alltäglichen Leben nicht gerade zu einem angenehmen Partner oder Kollegen bei der Arbeit werden lässt.  Empfindet der Karateka seine Verbesserungen als Treppenstufe und schöpft daraus die Kraft für die weiteren Stufen, so wird er seinem Können mit einer realistischen Betrachtung gegenüberstehen. Der Spiegel im Dojo zeigt jetzt keinen kleinen Karategott mehr, sondern einen ewigen Schüler mit Respekt vor der Kunst, die er wohl nie 100 % perfekt erlernen kann.  Aber darum geht es im Karate auch gar nicht!

Vom Schöpfen aus der Kunst des Karate

Viele Maler überpinseln ihre Bilder, weil sie unzufrieden sind mit ihrem Kunstwerk und beginnen wieder von vorne.  Heißt das, das alle Karatekas unzufriedene, übersensible Künstler sind, die ihr Leben lang nach dem perfekten Kunstwerk streben? Vielleicht! Auch solche wird es geben. Und doch sollte jeder selber entscheiden, was er aus dem Gelernten in sein Wesen aufnimmt. Nimmt er Bescheidenheit mit, dann wird er erkennen, dass er fleißig sein muss, um etwas zu erreichen. Nimmt er die Demut als Weg, dann wird er das Können der anderen respektieren und in einem anderen Licht sehen. Sieht er die Stufen und den langen Weg, so wird er sich als einen Teil einer philosophischen Betrachtung sehen,  die ihm jeden Tag eine neue Aufgabe stellt – Entscheide dich selbst, welcher Mensch du sein möchtest.

Karate do

Karate do - der philosophische Weg

Das Blatt im Wind des Karate-do

Natürlich sind wir alle nicht perfekt. Das wäre ja auch langweilig. Dann gäbe es keine Motivation, sich zu verbessern und Neues für sich zu entdecken. Im Laufe des Karate- Trainings werden wir deswegen immer wieder uns selbst begegnen. Mal mit Stolz, mal mit Selbstzufriedenheit, mal mit Überheblichkeit und Machtgefühlen. Schließlich sind diese Gefühle nur zu menschlich. Wichtig ist aber das Erkennen. Sind jedem Karateka diese Eigenschaften bewusst, dann kann er sich auch dagegen entscheiden. Damit formt er seine Persönlichkeit und erkennt seine Werte. Dabei ist es auch enorm wichtig, welcher Sensei den Karateka auf seinem langen Weg durch die Kampfkunst begleitet.

Auf einem Karate Gasshuku hat Sensei Sigimura gesagt: „Ob Ihr Karate lernt und versteht, das hängt von Eurem Sensei ab. Für schlechtes Karate seid Ihr nicht verantwortlich.“ Das stimmt! Aber wir sind für uns selbst verantwortlich. Ich persönlich bin dankbar dafür, dass ich ein kleines Blatt an dem riesigen Baum des Karate sein darf. Ich profitiere von der Kraft der Wurzeln und von seinen starken Ästen. Auch wenn in meiner Motivation und Weiterentwicklung mal ein Herbst oder gar ein Winter kommt, so folgt doch rasch wieder  Frühling. Meine Senseis  drücken mir keinen Stempel auf.  Im Gegenteil: Sie inspirieren mich, teilen ihr Wissen mit mir und geben mir damit die Kraft, selbst meinen Weg zu finden und zu bestimmen.

Autor: Stefanie Wallner
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