Karate und Faszien

Vor nicht allzu langer Zeit wurde die immense Bedeutung des alles umfassenden und alles verbindenden Fas- ziennetzes des Körpers für Fitness und Gesundheit jedes Karatekas und Athleten. Mit dem Einbeziehen der Faszien ins Training können die eigenen Leistungsgrenzen nach oben verschoben werden. Faszienspannung und katapultartige Entladung lassen extrem schnelle und mühelose Bewegungen im Karate zu, die das Fasziensystem zum Punkt der höchsten Anspannung auf- und entladen, dem Kime.

Faszinierender Zugang zum Kime im Karate

Ein gut ausgebildetes und gut integriertes Fasziennetz optimiert sowohl Höchstleistungen, als auch Koordination von Detailbewegungen. Es sind nicht die Gelenk-Rezeptoren, die Informationen darüber geben, wie sich der Körper kinästhetisch verhält, sondern die vielen Rezeptoren der Faszien. Nicht die Haut ist daher unser größtes Sinnesorgan, sondern die Faszie. Mit dem Einbeziehen der Faszien ins Training können die eigenen Leistungsgrenzen nach oben verschoben werden. Faszienspannung und katapultartige Entladung lassen extrem schnelle und mühelose Bewegungen im Karate zu, die das Fasziensystem zum Punkt der höchsten Anspannung auf- und entladen, dem Kime

karate und faszien

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Faszien, das faszinierende Organ des Körpers

Faszie (lat. fascia für „Band", „Bandage") bezeichnet die Weichteil-Komponenten des Bindegewebes, die den ganzen Körper als ein umhüllendes und ver- bindendes Spannungsnetzwerk durchdringen. Hierzu gehören alle kollagenen faserigen Bindegewebe, insbesondere Gelenk- und Organkapseln, Sehnenplatten, Muskelsepten, Bänder, Sehnen, Retinaculi (sogenannte „Haltebänder", beispielsweise das den Karpaltunnel bildende Retinaculum flexorum) sowie die „eigentlichen" Faszien in der Gestalt von „Muskelhäuten"] wie z. B. die Fascia thoracolumbalis, die den Rückenmuskel strumpfartig umhüllt. Zahlreiche manualtherapeutische Verfahren zielen darauf ab, eine nachhaltige Verän- derung in den Faszien auszulösen. Hierzu gehören unter anderem die Bindegewebsmassage, Osteopathie, Rolfing oder Myofaszial Release, wobei diese Methoden eine Einwirkung auf die tiefen Faszien beabsichtigen.

Historisches: Karate und Faszien - Beginn im Verborgenen

Karate entstand vor ca. 130 Jahren in Okinawa mit chinesischem Einfluss im Verborgenen aus dem „Tode" (Itosu, Asato). Es wurde in Japan ab den 1920er Jahren verfeinert (Funakoshi). Etwa zur selben Zeit entstand die Osteopathie in den USA, eine manuelle Heilkunst, die in den abgelegenen Gebieten des „wilden Westens" wo es keine medizinische Versorgung gab, von Andrew Taylor Still entwickelt wurde. In der Osteopathie wurde die
Bedeutung der Faszien als das alles verbindende und nährende Gewebe von Anfang an betont.
In der westlichen Medizin hingegen wurden die Faszien meist als bloßes Verpackungsorgan betrachtet und in seiner Bedeutung ignoriert. Weltweit lernten Medi- zinstudenten in der praktischen Anatomie als eine ihrer ersten Aufgaben die um- hüllenden Faszien möglichst umfassend wegzupräparieren, damit „man etwas se- hen konnte". Prof. Pischinger hatte aber bereits in den 70er Jahren herausgefunden, dass im Bindegewebe viele Immun- und Schutzfunktionen stattfinden, als ein System der Grundregulation.
In Deutschland hat sich vor allem ein Mann um die Faszien verdient gemacht, die heute in aller Munde sind: Dr. Robert Schleip, Therapeut, Autor und Forscher, mit dem der Autor dieses Artikels 1994 die Deutsche Gesellschaft für Faszientherapie DGMR gründete. Dr. Schleip ist es zu verdanken, dass es ein Faszienlabor an der Universität Ulm, Faszienkongresse und Faszienlehrbücher in Deutschland gibt.

Tradition & Weiterentwicklung: Faszien, das Internet des Körpers

Faszien können wir uns vorstellen wie ein Internet im Körper, welches uns unseren Körper sensorisch überall wahrnehmen, steuern und Informationen hin- und herschicken lässt. Einen wesentlichen Beitrag zum neuen Ver- ständnis der Faszien lieferten die Forschungen zur myofaszialen Kraftüber-tragung. Die meisten Muskeln übertragen einen beträchtlichen Teil ihrer Zugkraft nicht direkt auf die damit verbundenen Sehnen, sondern auf parallel dazu verlaufende Nachbarmuskeln. Dies geschieht hauptsächlich über Querverbindungen zwischen nebeneinander liegenden faszialen Muskelhüllen. Dass Nachbarmuskeln funktionelle Synergisten (zusammen- arbeitende, unterstützende oder ermöglichende Muskeln) sind, ist nicht weiter verwunderlich. Wie man jetzt jedoch herausgefunden hat, passiert dies auch zwischen funktionellen Antagonisten (Gegenspielern). Auch beim kerngesunden Menschen versteht man jetzt eine Hauptfunktion der Muskeln darin, membranöse Faszienspannungen zu beeinflussen statt di- rekt auf das Skelett einzuwirken, so wie Taue, die ein Segel spannen.

Kime, die Kunst des kontrollierten Arretierens im Karate

Im Karate der Meister sind Bewegungen anzutreffen, die mühe- und absichtslos explodieren. Kime bezeichnet im Karate die Energie, die in dem Moment größter Anspannung während eines Stoßes, Schlages oder Trittes übertragen wird. Alle Bewegungen des Kämpfers sollen schnell und entspannt ausgeführt werden, bis es im Moment des Treffens der Technik zur Entladung der Energie kommt. Kime ist ein essentieller Bestandteil des Karate. Äußerlich erkennt man Kime am plötzlichen kontrollierten Arretie- ren („Einrasten") des die Technik ausführenden Arms oder Beins wenige Zenti- meter (Sun-dome) vor dem Ziel, beziehungsweise im Ernstfall genau im Ziel. Die Beherrschung des Kime ermöglicht sowohl schnelle und zugleich kraftvolle Techniken, bewahrt aber gleichzeitig den Kämpfer davor, durch permanente Muskelanspannung vorzeitig zu ermüden. Dieses Explodieren und Einrasten bedient sich des aufgeladenen und gespannten Fasziensystems.

Kime ist kein Muskelkrampf: Vorspannen versus Verspannen - Das Katapult!

Karate Anfänger missverstehen Kime manchmal als pure muskuläre Anspannung. Das macht ihre Techniken langsam und kostet sehr viel Energie. Auf Dauer macht dieses Muskelverspannen die Muskeln hart und kurz, die Faszien verfilzt und unbeweglich und zerstört die Gelenke, oft Hüfte oder Knie. Wenn ein japanischer Sensei „Anspannen" sagt, meint er wohl „Vorspannen" und dann Loslassen. Am Ende der explosionsartigen Bewegung arretiert die Faszienspannung den Arm oder das Bein und baut somit neue Faszienspannung für die
nächste Bewegung auf. Somit entsteht eine katapultartige Bewegungsdynamik, die wesent- lich schneller und vom Zentrum des Körpers aus agiert, als dies mit reiner Muskelkontraktion möglich wäre.

Der doppelt gerichtete Bogen: Vorspannen, Loslassen, Vorspannen!

Eine Bewegungsabfolge von Karatetechniken wie z. B. eine Kata kann man mit dem Faszienmo- dell als eine Katapultbewegung ansehen, die sich am Ende (Kime) zur nächsten Katapult Bewegung auflädt: Die Folgetechnik holt sich die Energie aus dem Kime der vorangegangenen Tech- nik. Als Modell bietet sich somit auch ein vorgespannter Bogen an, der beim Loslassen des Pfeiles in eine neue Vorspannung geht, um den nächsten Pfeil abzuschießen. Diese Vorspannung findet primär nicht in den Muskeln, sondern in den Faszien statt. Somit können auch kleine und weniger muskulöse Athleten blitzartige und starke Techniken ausführen, wenn sie sich auf die Vorteile ihres Fasziensystems verlassen. (siehe z. B. Naka Sensei).

Faszienzüge, Atmung, Kime: das Stärkste aus drei Welten - „San ten riki ho“

Wenn wir uns Karatestände und Techniken aus dem Blickwinkel des Fasziensystems ansehen, wird die Kompression der Faszien des Fußes, Knöchels, Unterschenkels und des Knies zusammen mit der Hüftrotation und die Entladung dieser komprimierten Gelenke entlang der Faszienzüge mit Gewichtsverlagerung offensichtlich: Ein starker Gyaku- zuki wird mit der Ferse geschlagen, und die Innenspannung der Adduktor-Septen beim Zenkutsu dachi gibt uns dabei einen stabilen Stand. Die Atmung im Unterbauch lässt uns die grossen Faszien des Rumpfes von innen aufladen und so „Ki sammeln“. Wenn der Stand mit Faszien- kompression am Fußgelenk, die Hüftrotation, und die Kraftübertragung entlang der Faszienzüge mit Kokyū (Atemkraft) und der Gewichtsverlagerung kombiniert wer- den, entsteht mühelos eine starke Technik, die sich explosionsartig mit Kime entlädt. Gute Beispiele für das Vorspannen der Faszien vor dem Explosiven Entladen stellen auch das Hikite und das Hikiashi dar.

Faszien-Verletzung und Faszien-Schädigung: Wenn Faszien nicht mehr mitmachen!

Die meisten Überlastungsschäden im Sportbereich betreffen nicht das rote Muskelfleisch, sondern das weißfarbige kollagene Fasernetzwerk des Körpers. Also das, was wir als fasziales Gewebe bezeichnen. Außerdem wissen wir heute, dass dieses Netzwerk eines unserer wichtigsten Sinnesorgane darstellt. Es ist Basis unserer koordinativen Körperwahrnehmung. Ausserdem können Faszien
untereinander verkleben, verfilzen, vernarben und so ihre Resilienz und Beweglichkeit verlieren. Auch durch eine falsche Ernährung, Dauerstress und körperliche Daueranspannung kann sich das Fasziennetzwerk zum Nachteil verändern. Es kann starr und unbeweglich werden.

Faszien Training und Faszientherapie: Die Faszien „in Schuss“ halten!

Vor nicht allzu langer Zeit wurde die immense Bedeutung des alles umgebenden und alles verbindenden Fasziennetzes im Körper für die Fitness und Gesundheit eines Karatekas und Athleten bewiesen. Ein gut ausgebildetes und gut integriertes Fasziennetz optimiert sowohl Höchstleistungen, als auch die Koordination von Detailbewegungen. Es sind nicht die Gelenk-Rezeptoren, die Informationen darüber geben, wie sich der Körper kinästhetisch verhält, sondern die vielen Rezeptoren in den Faszien. Somit ist nicht die Haut unser größtes Sinnesorgan, sondern die Faszie. Mit Faszientraining können die eigenen Leistungsgrenzen verschoben werden. Ein gut trainiertes Bindegewebe ist elastisch und dehnbar, zugleich reißfest und kräftig und bildet die Grundlage für vitale Spannkraft und körperliche Leistungsfähigkeit. Ein gesundes Fasziennetzwerk ist resilient – das bedeutet, es zeichnet sich durch eine große Flexibilität bei gleichzeitig hoher Belastbarkeit aus. Dies sind wichtige Ressourcen für ein langjähriges gesundes Karate Training.

Kihon, Kata, Kumite - Karate in den Faszien üben!

Jede Trainingskomponente des Faszientrainings im Karate fokussiert sich jeweils auf eine der herausragenden Eigenschaften des kollagenen Netzwerkes
mit dem Ziel die Resilienz, also die Federkraft des Bindegewebes, zu
steigern. In diesem Sinne sollte jedes Karate Training folgende Faszien-Komponenten enthalten:

  • Federn – Katapult Training: (elastisches Rückfedern) – Federbewegungen zur Kräftigung der Gewebeflexibilität. 

  • Dehnen: Beweglichkeitstraining: (fasziales Dehnen) – Dehnübungen zur Steigerung der Flexibilität. 

  • Beleben: Fascial Release (fasziales Lösen) – Techniken zum Lösen, zur Rehydration und Regeneration, Stoffwechseltraining. 

  • Verfeinern: (sensorisches Verfeinern) – Förderung der Bewegungsqualität und des Körpergefühls.

Faszien Therapie: Faszien wieder fit behandeln

Die Faszien sind hochgradig innerviert und können Schmerzgeneratoren sein. Das ist eine der wichtigsten neuen Erkenntnisse aus der Faszienforschung. Damit einher geht die Feststellung, dass ein Großteil der Rückenschmerzen nichts mit den Bandscheiben zu tun hat. Stattdessen scheinen Mikro-Rupturen in der Rückenfaszie oft als Schmerzerzeuger zu wirken. Wie neue Studien gezeigt haben, hat die Bandscheibe mit der Ursache der Schmerzen häufig nichts zu tun. Die Abnutzung der Bandscheibe ist ein natürlicher Pro- zess wie das Ergrauen der Haare, zieht aber nicht automatisch Schmerzen mit sich – selbst bei einem klar sichtbaren Bandscheibenvorfall. Von nun an können und müssen wir Körper- und Bewegungstherapeuten in Bezug auf Training und Belastung ganz anders argumentieren. Einige traditionelle Rückenschul- Methoden haben zum Beispiel die Faszien im Alltag geschont, statt deren Elastizität und Reißfestigkeit durch ein sinnvoll dosiertes Training zu kräftigen. Die Quittung kommt dann möglicherweise plötzlich: Macht man doch mal mit krummem Rücken eine ungelenke Bewegung, ist die Faszie darauf nicht trainiert und reißt ein. Jetzt gibt es konkrete Hinweise, dass bei akuten Rückenschmerzen häufig Zerrungen der Lumbal-Faszie eine Rolle spielen. Daher ist es manchmal unumgänglich, Spezialisten an seine Faszien zu lassen, die im Gegensatz zur Faszienrolle einen Lageplan des Körpers in ihren Händen haben.

Fasziengerechte Ernährung - was Faszien gerne essen und trinken

Bei unserer Geburt besteht unser Körper und Bindegewebe aus fast 75% Wasser. Dieser Flüssigkeitsanteil nimmt im Alter auf ca. 55% ab. Genügend Flüssigkeitszufuhr ist für ein funktionierendes Fasziensystem unabdingbar. Aller- dings sollte es kein alkoholhaltiges oder zuckerhaltiges Getränk sein, sondern Wasser mit evtl. einigen Elektrolyten. Alkohol läßt das Fasziensystem aufquellen und verfilzen, zu wenig Wasser läßt es austrocknen. Die „wenigen paar Bier“ nach dem Training sind Gift für unser Fasziensystem. Übersäuerte und verfettete Faszien sind der Speicherort für viele Stoffwechselgifte, die unser Körper nicht mehr entsorgen kann. Langkettige ballaststoffreiche Kohlehydrate wie Quinoa, Hirse oder Naturreis stellen unseren Faszien eine kontinuierliche Energiequelle dar. Kollagen und Elastin, die Bauteile der Faszien, bestehen aus Eiweißen, es ist also wichtig, dem Körper diese Stoffe zur Erneuerung des Fasziensystems ausreichend zuzuführen. Hier bieten sich „leichte“ Eiweiße wie Sojaprodukte, Huhn oder Fisch an. Genauso wichtig sind ungesättigte Fettsäuren (Omega3) für unser Fasziensystem, welche wir aus Olivenöl, Leinöl oder Fisch beziehen können. Wichtige Vitamine für das Bindegewebe sind Vitamin C, D, K und alle B Vitamine. Calcium, Die Mikronährstoffe Magnesium, Kalium und Natrium müssen gut ausbalanciert vorhanden sein, um unser Faszien- system in Schuss zu halten. Einige weitere Spurenelemente wie Selen, Zink, Molybdän und Mangan. All diese Stoffe können wir mit einer naturbelassenen und unraffinierten Nahrung mittels Gemüse und Obst zu uns nehmen.

Durch eine gezielte Faszientherapie lassen sich Faszien lösen. Die Faszien können dann wieder übereinander gleiten und erhalten ihre Beweglichkeit und Flexibilität zurück. So befreit diese Therapie von akuten und chronische Schmerzen und erhöht Beweglichkeit sowie Wohlbefinden im Körper – das führt oft zu einem neuen Gefühl von Vitalität, Freude und Leichtigkeit, und zu mühelosen und blitzschnellen Karatetechniken.

Über den Autor

Punito Michael Aisenpreis, Jg.'58, Coach, Therapeut und Trainer in München und Murnau, Kampfkunst- und Meditationslehrer. Faszientherapie seit 1981. Shotokan Karate seit 1975, aktuell 4. Dan JKA sowie DJKB Trainer. Ki Aikido mit Koichi Tohei. Regelmäßiges Karate Training in Japan. Gründung der Deutschen Gesellschaft für Myofascial Release e.V. 1994. Bodhidharma Karate Dojo Murnau im DJKB.


Literatur beim Autor. E-Mail aisenpreis@somatic.de www.kampfkunst-gesundheit.de; www.bodhidharma.de

Autor: Punito Aisenpreis
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